Das Maibrauchtum

Das Maigeschehen hat eine Jahrhunderte alte Tradition.
Da es ja früher weder Disco noch Computer etc. gab,
musste sich die Jugend irgendwie anders beschäftigen.
Weil es auch noch äußerst schwierig war, mit den Mädchen
Kontakt aufzunehmen, wurden die Maibräuche eingeführt.

Diese Brauchtümer sind von Ort zu Ort sehr unterschiedlich.
In manchen Orten wird eine "geschälte" Tanne auf den Dorfplatz
gestellt - anderswo wiederum verschmilzt der "Mai" mit Kirmes oder Schützenfest.


Aus diesem Grund hier nur die "Oberlarer Variante" sollte ich was vergessen haben (Alzheimer) oder falsch interpretiere bitte melden.

 

Das "Oberlarer Maigeschehen"

Irgendwann im April treffen sich die Oberlarer Junggesellen in
ihrer Stammkneipe um die Oberlarer "Jungfrauen" zu versteigern.
Der Auktionator steht an einem vom Maivater (dazu später mehr)
selbstgebastelten Tisch, und hat Hämmer in allen Größen zur
Verfügung . Ziel ist es, den Tisch  zum Ende der
"Mailehen-Versteigerung" zu Kleinholz gemacht zu haben.

Gesteigert wir in Maimark (1 Maimark = 0,10 DM oder 0,05124 Euro).
Das Mädchen, daß den höchsten Preis erzielt wird Maikönigin (meistens)
Platz 2 und 3 sind die Mäigräfinnen.

Jetzt gibt es immer wieder Mädel´s, die keiner ersteigern will.
Die kommen in einen "Topf", das "Rötzje".

Dieser "Topf" wird am Schluß amerikanisch versteigert.
Jedes Gebot 50 Pfennig.
  Wer hier den Zuschlag erhält
(wobei es passieren kann, daß der Auktionator vor lauter Promille den Hammer fallen lässt) ist der "Rötzjes-Vater" (auch Maivater genannt).
Der Maivater muß dann für alle diese Mädchen auf dem Dorfplatz eine Birke aufstellen. Außerdem ist der Maivater für die Sicherheit der Maikönigin zuständig. Dafür (und für einige andere Sachen mehr) ernennt er einige Jung´s zu Maipolizisten.

Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf. Sofort nach Ende der Versteigerung zieht der ganze Verein zu den neuen Maigräfinnen und zur Maikönigin. Jede erhält einen Blumenstrauß. Wenn sie den entgegennimmt, hat sie das "Amt" angenommen.
Am nächsten Wochenende werden dann im Wald die Bäume geklaut.
(jedenfalls früher, leider muß man sie heute kaufen).

Die Bäume dürfen nur mit Handsäge oder Axt gefällt werde.
Motorgetriebene Hilfsmittel sind verboten!
Alle Mädchen die über 300,- Maimark "wert" waren bekommen
einen. Außerdem bekommt noch der Maikönig (das ist der Idiot, der für die Maikönigin ein Schweinegeld bezahlt hat)
als einziger  Mann einen Baum.

Am 30.April wird dann öffentlich der Dorfbaum aufgestellt (Verletzungen nicht ausgeschlossen).
Anschließend werden die Maipaare gekrönt und der Maivater gibt die "Maiutensilien" bekannt. Jedes Mitglied muß im Mai einen bestimmten Gegenstand mit sich führen. (Dosenöffner, Kondome, BH, Zollstock etc.) Die Teile wechseln jede Woche. Die Maipolizei kontrolliert jeden (wobei es passierte das einer "seinen" Dosenöffner aus der Hose holte), den sie trifft und kassiert eine Strafe bei Zuwiederhandlung. (Mitglieder 1,- Mark, Maipolizei 2,- Mark, Maivater 5,- Mark), wobei der Maivater nur von der Maikönigin, die alle kontrollieren darf, "erwischt" werden kann.

Nach der Krönung wird dann bis Mitternacht an der Bierbude gesoffen.
Punkt 12 geht es los. Die Maibäume werden gesetzt. Man formiert sich zu Gruppen, nimmt einen Baum auf die Schulter und bringt ihn (singend und gröhlend) zu dem Mädchen. Das kann man nicht leise machen, denn der Vater des Mädchen´s soll einen ja schon rechtzeitig hören um Bier und Brötchen zurechtzustellen. Sollte ein "Fremder" seinem Mädchen einen Baum hinstellen, der nicht "ordnungsgemäß" ersteigert wurde wird dieser sofort abgesägt (Manchmal lässt sich die Maipolizei auch durch "Standgeld" (DM 5,-) beeinflussen).
Wenn alle "normalen" Bäume gesetzt sind, marschiert der gesamte Trupp zur Maikönigin um dort 3 ! freistehende Bäume
zu setzen.
Da gibt es dann (meistens) Frühstück, und so mancher ist erst gegen Mittag wieder zu Hause eingetrudelt.

Damit ist der Start in den Mai erfolgreich abgeschlossen. Der erste Kontakt zu dem "Objekt der Begierde" ist hergestellt, und man muß nur noch dafür sorgen das man sich regelmäßig sieht. Deshalb wurde der "Komm-Abend" erfunden.
An jedem Mittwoch im Mai müssen die Junggesellen, die "ihrem" Mädchen einen Baum gesetzt haben, zum Pfeiferauchen. Dazu müssen sie sich zwischen 19:00 und 20:00 Uhr an zwei Kontrollpunkten in Oberlar bei der Maipolizei melden. (Zu Fuß, es sind keinerlei Fahrzeuge erlaubt)  Dieser "Rundgang" wird durch eine "Kleiderordnung" verschärft, die der Maivater bestimmt. (Schwimmflossen, Schubkarre, Abendkleid etc.)
Von  20:00  bis 22:00 Uhr hat jeder bei seiner "Auserwählten" zu sitzen und Pfeife zu rauchen. (Keine Zigarren wir sind ja nicht im "Oval-Office")
Am ersten Mittwoch muß er einen Blumenstrauß für das Mädchen, am letzten Mittwoch einen Strauß für die Mutter, sowie eine Flasche Bier für den Vater dabeihaben.
Die Maipolizei kontrolliert die Einhaltung dieser Vorschriften sehr genau. Dabei ist es egal wie die "Herren" in die Wohnung kommen. (Es sind schon mal welche bei der Oma durch´s Schlafzimmer-Fenster gestiegen). Hauptsache die Pfeife (die mit dem Tabak) ist noch warm und die Getränke sind kalt. Für Verstöße werden jeweils DM 5,- einkassiert.

Irgendwann im Mai (machmal auch im Juni) wird dann ein Maiball gefeiert.
Mit einem großen Umzug (incl. Kutsche, Tambourcorps, Brudervereinen, geschmücktem Farrädern, usw.) wird dazu die Maikönigin zuhause, wo alles schon festlich geschmückt wurde. (Materialbedarf: 1 Lkw Tannengrün, 1 Kiste Krepp-Papier, 80 Kisten Bier), abgeholt und zum Festsaal gebracht. Dort hat dann der Maivater die Aufgabe so lange Maibowle anzuschleppen, bis der Maikönig "reiernt" aus dem Saal läuft. Jedes Mitglied des JGV hat ab 18:00 Uhr eine (echte) Rose am Revers zu tragen. Ansonsten gibt es DM 5,- Strafe.
Außerdem kostet das Tanzen mit der Maikönigin (außer Maikönig und Maivater, die dürfen umsonst)  ebenfalls einen "Heiermann" (Die Maipolizei ist da blitzschnell)

Ende Mai (manchmal auch Anfang Juni) wird dann mit großem (Tam-Tam) der Dorfbaum entsorgt. Jeder Besucher dieser Veranstaltung kann sich (gegen eine kleine Gebühr) eine Scheibe vom Baum abschneiden und als Andenken behalten (Die Jahreszahl wird eingebrannt).

Danach hat der "Oberlarer-Junggeselle" 11 Monate Zeit sich zu regenerieren und den Leberschaden beheben zu lassen.
Damit es in diesen Monaten nicht allzu langweilig wird, veranstaltet der Verein lustige Abende, feuchtfröhliche Wanderungen, Alkoholgeschwängerte Vereinstouren und zur Einstimmung auf den Mai beteiligen wir uns am Karnevalsgeschehen (alle 5 Jahre stellen wir das "Dreigestirn").

Und so geht das dann alle Jahre lustig weiter !
 
Aufgeschrieben nach eigenen Erfahrungen (Maikönig 1983)
von Jörg Steilner